Einblicke aus dem Frauenzimmer in der Notunterkunft für Geflüchtete in Tempelhof

Sinéad Walsh kehrte kürzlich in ihre Heimatstadt Dublin zurück, nachdem sie als sehr engagierte ehrenamtliche Helferin im Team des GSBTB Open Art Shelter mitgearbeitet hatte. Zurück in Dublin war ein Foto der Auslöser dafür, ihre Eindrücke und Erlebnisse aus ihrer Zeit im Frauenzimmer der Unterkunft für Geflüchtete im ehemaligen Flughafen Tempelhof aufzuschreiben.

Wir sind 7 Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Über 500 Millionen von uns leben in der EU. Jedes Jahr kommen in der EU ca. 5 Millionen Babys zur Welt. Ich würde mir gerne ein T-Shirt mit diesen Zahlen bedrucken lassen, denn sie können uns helfen, die Debatte über Migranten und Geflüchtete in einem größeren Kontext zu sehen, eine Debatte, von der ich kaum glauben kann, dass wir sie (immer noch) führen.

Im Jahr 2015 kamen 1 Million fremde Menschen vor den Toren Europas an. Viele von ihnen hatten ihr eigenes Leben und das Leben ihrer Kinder aufs Spiel gesetzt, denn der Tod erschien ihnen in der Ferne weniger wahrscheinlich zu sein als zuhause.

Die meisten Mitgliedsstaaten der EU verhielten sich unglaublich egoistisch. So kamen die meisten der 1 Million Geflüchteten nach Deutschland. Schweden nahm ihm Verhältnis zur Bevölkerungszahl des Landes ebenfalls eine große Zahl auf. Und für Tausende und Abertausende verengte sich die Route in Griechenland und sie blieben dort stecken.

Als ich nach meinem Jahr in Berlin wieder zuhause in Dublin war, blätterte ich in der aktuellen Ausgabe des Magazins meines Vaters, dem National Geographic. Die Frau, die ungefähr nach der ersten Hälfte dieses Artikels (Seite 104 der Printausgabe des Magazins) in der Unterkunft für Geflüchtete in Tempelhof abgebildet ist, ist für mich keine Unbekannte. Ich lernte Zainab vor ungefähr sechs Monaten in Begleitung ihrer Enkelin kennen. Die von uns organisierte, wöchentlich stattfindende Frauengruppe gab es bereits seit Weile, aber bis dahin hatten wir in einem anderen Teil der riesigen Unterkunft gearbeitet. Wie viele andere Frauen ihres Alters kann Zainab mit einem Knäuel Wolle und einer Häkelnadel wahre Wunder vollbringen. Die Frauen verbrauchten rasend schnell die Wolle, die wir zur Verfügung stellen konnten. Zunächst häkelten sie Duschhandschuhe. Dann wandten sie sich Dingen zu, die ein wenig ‚Luxus’ in ihrem Alltag bedeuteten – Mützen und Hüte, Schals, Taschen und Babykleidung. Sie tun das ganz selbstverständlich. Schließlich ist Krieg.

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Für Zainab war es klar, dass sie niemals zusammen mit den anderen im Handarbeitsmaterial wühlen würde, das auf dem Tisch ausgelegt worden waren. Sie wartete stets geduldig bis zum Schluss und nahm sich, was übrig war. Ich hielt sie nicht für zu schwach war, um den Kampf um die besten Sachen aufzunehmen, sondern für eine Frau, die fest entschlossen war, ihre Würde nicht aufzugeben und die ihrer Enkelin ein gutes Beispiel geben wollte. Wenn an dem Tisch viel los war, begann ich, einen Teil der hochwertigen Wolle, die auf den Tisch kommen sollte, für Zainab zu sichern, damit sie genügend von dieser Wolle bekam. Sie mag weiße Wolle, und manchmal auch rote. Auf meinen Gängen durch den Hangar kam ich sehr oft an Zainab vorbei, und sie blieb jedes Mal stehen und begrüßte mich jedes Mal mit einem festen Händedruck und einem Kuss auf beide Wangen. In den letzten Wochen meiner Zeit in der Unterkunft sah ich sie immer seltener und gab ihrer Enkelin häufig Wolle für sie mit. Ich bedauere es sehr, dass ich mich vor meiner Abreise nicht von ihr verabschiedet habe.

So sehr wir auch versuchen, für die Frauen in unserer Gruppe ein ruhiges und angenehmes Umfeld zu schaffen, so gibt es doch kein echtes Entkommen von dem Lärm und der angespannten Atmosphäre, die entsteht, wenn 2000 Menschen auf engem Raum leben und dort Dutzende von angestellten und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein- und ausgehen – gar nicht zu reden von der Presse und den Politikerinnen und Politikern, die in der Unterkunft vorbeischauen. Jeden Tag ist Zirkus – im Wortsinn (der unglaublich tolle Zirkus Ohne Grenzen, der für die Kinder sicherlich klasse ist, aber vielleicht nicht ganz so schön für müde Eltern und Großeltern oder für Teenager, die zu lernen versuchen und keine Möglichkeit haben, den Lärm auszublenden). Für viele ist es der sicherste Schutz vor dem Lärm. sich irgendwo ein Versteck zu suchen.

Foto: Sinéad beim Malen mit einem kleinen Mädchen in der Unterkunft in Tempelhof.

Zainabs Enkelin Rojin ist gerade ins Teenageralter gekommen. Nach den meisten Unterhaltungen mit ihr könnte man meinen, sich kein ordentliches Make-up-Set leisten zu können, sei ihr größtes Problem im Leben. Genau wie viele andere Kinder hier im Camp hat sie bereits gelernt, ihre Gefühle zu internalisieren und ihren Eltern etwas von dem Druck wegzunehmen, der auf ihnen lastet. Aber einmal sprachen wir darüber, wie sie in der Unterkunft lebten und sie erklärte mir in ihrem einfachen Deutsch: „Ein Zimmer. Acht Personen. Nicht gut.“ Die Worte „nicht gut“ verwenden die Bewohner der Unterkunft für eine Vielzahl von Klagen: Assad ist „nicht gut“. ISIS ist „nicht gut“. Als eine Bombe auf deine Schule fiel, war das „nicht gut“. Die Unterbringung ist „nicht gut“. Das monatelange Warten auf Deutschunterricht oder auf einen Arzttermin – nein, das ist „nicht gut“. Das Essen ist „nicht gut“. Jungs, die herumlaufen und Krach machen, sind „nicht gut“. Teenager, die sich zum Küssen hinter die Duschkabinen davonstehlen, sind „nicht gut“. Der fehlende Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung ist „nicht gut“. Langeweile und Depressionen sind „nicht gut“. Häkelnadeln mit einer Stärke von 0,5 mm sind „nicht gut“. Nur ein fünfjähriger Junge hat den Mut, beim Herumlaufen lautstark „alles ist Scheiße“ zu brüllen. Jedes Mal, wenn ich daran denke, erfüllt mich das seltsamerweise mit Hoffnung.***

Vor rund einem Jahr wurde die Notunterkunft eröffnet, und viele der dort lebenden Menschen haben die Hoffnung auf einen Umzug in bessere Unterkünfte bereits aufgegeben. Was zunächst als Übergangslösung gedacht war, scheint immer mehr zum Dauerzustand zu werden. Die erwarteten neu hinzukommenden Geflüchteten wurden in Griechenland und in der Türkei aufgehalten, und die Unterkunft versucht nun, die Bedingungen ihres ursprünglichen Budgets dadurch zu erfüllen, dass sie die anfänglich dort eingezogenen Bewohnerinnen und Bewohner dort behält. Als Turnhallen und Hostels während der Sommermonate langsam ihren ursprünglichen Betrieb wiederaufnahmen, wurden die Menschen von einer übergangsweisen Unterkunft zur nächsten geschickt. Eine irische Helferin in einer Unterkunft für Geflüchtet am anderen Ende der Stadt meinte, die Geflüchteten sähen die  Verlegung nach Tempelhof als etwas an, was sie an den irischen Spruch „to hell or to Connaught“ erinnerte, der sich auf die zwangsweise Umsiedlung der Iren durch Oliver Cromwell bezieht. „To hell or to Tempelhof“. Klingt irgendwie gut.

Überleben klappt am besten durch Relativieren. Ist es nicht besser als das, was du über Idomeni gelesen hast? Besser als Calais? Besser als die Zeltcamps in der Türkei oder in Jordanien? Besser, tausendmal besser als in Syrien in Stücke gebombt zu werden? Von den Taliban in Afghanistan entführt und zum Kämpfen gezwungen zu werden? Deine Frau und deine Kinder der Willkür eines Oligarchen/ Warlords zu unterwerfen, der in deiner Region im Kaukasus das Sagen hat? Klar, hier sitzen Tauben in den Dachsparren und scheißen auf dein Bett und auf die neuen Sachen deiner Tochter, die du stundenlang sorgfältig in der Ausgabestelle für die Kleiderspenden ausgesucht hast. Auch wenn es nicht viel Auswahl gab, fühlte es sich fast so an wie Shoppingtrip, um dem Alltag zu entfliehen. Aber natürlich könnte alles viel, viel schlimmer sein ….

Ja, könnte es und ich denke jedes Mal daran, wenn ich mir die Nachrichten aus Syrien anschaue und die Ortsnamen sehe, die ich jetzt mit Menschen in Verbindung bringe, die ich persönlich kenne, Menschen, die in dieser Region oder jener Provinz oder jener Stadt gelebt haben, oder wenn ich von den Booten lese, die im Mittelmeer kentern und von dem Leichen, die an die Strände geschwemmt werden. Wie lange kann man sich damit zufrieden geben, immer und immer wieder zu wiederholen „wenigstens sind sie nicht ertrunken“ (und viele von ihnen waren verdammt nah dran und sie erzählen dir mit ihren Bildern davon. Bilder mit Zeichnungen von versunkenen Booten, in die sie ihre Eltern und Geschwister als kleine Strichmännchen setzen)?

Also ist eigentlich alles gut, und ich komme immer wieder mit einem Lächeln und meinem Wollpaket unter dem Arm und ich lerne Leute kennen und sie lernen mich kennen und wir verbringen viel Zeit miteinander, in der wir lachen und Tee trinken und uns gegenseitig die Fingernägel lackieren und Fotos zeigen und manchmal treffen wir uns auch am Wochenende. Ich sage mir, dass alles relativ ist. Im Camp haben einige Leute die Wände mit Kinderzeichnungen und Ausschnitten aus Zeitschriften dekoriert. Andere Wände bleiben kahl und sagen nichts über die Menschen, die dort alleine oder mit ihrer Familie leben. Es gibt Leute, die versuchen, ihren ganzen Tag an jedem anderen Ort als der Unterkunft zu verbringen (das sind vor allem jene abwesenden Väter, die alles tun, um vor ihren Kindern nicht schwach zu erscheinen). Und dann gibt es die anderen, die sich in sich selbst zurückziehen, unsichtbar hinter den Plastiktrennwänden, die ihren Appetit für das Essen verlieren, das es dreimal täglich auf Plastiktellern mit Plastikbesteck gibt (und übrigens sind die Küchen in den meisten Unterkünften nicht darauf eingerichtet, Essen für Menschen anzubieten, die aus medizinischen Gründen eine besondere Ernährung benötigen).

Es ist alles relativ, und weil alles relativ ist, wird der Gedanke der universellen Menschenrechte zur Farce. Unsere gemeinsame Menschlichkeit wird zur Farce.

Es fühlt sich an, als lache das Universum über uns.

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In dem Artikel des National Geographic stehen einige inspirierende Geschichten, die mich an die vielen unbeachteten Heldinnen und Helden erinnern, die ich im vergangenen Jahr kennen gelernt habe. Aber im Großen und Ganzen habe ich die meiste Zeit wenig Hoffnung. Nach meiner Rückkehr nach Hause habe ich nicht das Gefühl, in einer der beliebtesten Städte Europas gewesen zu sein. Stattdessen habe ich das Gefühl, mich Tausende von Kilometern entfernt zu haben.

Die EU – und in der Hauptsache Deutschland – nimmt einen winzigen Anteil aller Geflüchteten dieser Welt auf. Und nach wie vor gibt es schutzbedürftige Menschen, die das soziale Netz nicht auffängt. Die Momente größter Menschlichkeit sah ich im letzten Jahr, wenn Menschen mit Regeln sehr großzügig umgingen, statt sie genau zu befolgen.

Hania Hakiel, meine Freundin und Kollegin in Berlin, reagierte auf eine erste Version dieses Beitrags sehr nachdenklich darüber, ….

[…], dass hier etwas so offensichtlich ist und vollkommen vergessen wird. Diese Menschen sind dem Krieg entkommen, ja, aber sie kommen hier an und sind …. Menschen. In ihren Körpern wohnt ihr Trauma wie in vielen von uns, und wie viele von uns leiden sie nicht nur an den Verletzungen der Psyche, die ihnen in der Vergangenheit zugefügt wurden, sondern auch an Kopf- und Zahnschmerzen, an Krebs….Wie wir essen sie gerne schmackhaftes Essen und schlafen gerne gut. Wahrscheinlich schreibe ich deshalb so selten über das, was ich in der Unterkunft für Geflüchtete erlebe. Ich erlebe dort einfach Dinge mit anderen Menschen. Berichtest du täglich “Heute habe ich jemanden getroffen”?

Mir ist es offen gesagt peinlich, darüber zu sprechen, was ich das ganze Jahr über gemacht habe, weil ich keine Sprache dafür finden kann, die das Menschsein derjenigen nicht herabsetzt, die mir begegnet sind – das zutiefst Menschliche unserer Begegnungen.

In Deutschland verwenden viele Menschen nicht mehr das Wort ‘Flüchtlinge’ und haben es durch ‘Geflüchtete’ ersetzt. Das Wort klingt gelinde gesagt schwerfällig, aber es ist trotzdem wichtig, es zu benutzen, weil damit aktiv versucht wird, die Persönlichkeit zu bewahren, jenes unveräußerliche Menschsein derjenigen, die geflüchtet sind.

Wenn wir Menschen als Flüchtlinge oder Migranten bezeichnen, vergessen wir ganz oft, wie viele von uns eine Migrationsgeschichten in unseren eigenen Familien haben.

Wenn wir Menschen als Muslime bezeichnen, vergessen wir, dass auf einem ‚christlichen’ Kontinent zu leben uns nicht davon abgehalten hat, hundertfachen gegen andere in den Krieg zu ziehen – zu denen im letzten Jahrhundert zwei großen Weltkriege zählen.

In dem Europas, das sich zu meinen Lebzeiten entwickelt hat, sollen Grenzen keine Bedeutung mehr haben, Vielfalt wird geschätzt, statt Ängste zu schüren, und die Definition dessen, was Kulturerbe bedeutet, wird kontinuierlich ausgeweitet und entwickelt sich weiter.

Falls wir befürchten, dass unsere Kultur in unserer Heimat an Bedeutung verliert, so müssen wir uns nur umsehen, um daran erinnert zu werden, dass sie in Wirklichkeit hervorragend gedeiht. In dieser Woche entdeckte ich zwei Geschichten über Geflüchtete und gälische Sportarten. Zwei irakische Brüder fühlen sich im Berlin GAA Club, der sich jede Woche auf dem Tempelhofer Feld trifft, freundlich aufgenommen  und haben dort Freunde gefunden. Und in Belfast (jener Stadt mit bekanntermaßen zerstrittenen Einwohnern zweier christlicher Konfessionen) unterstützte ein elfjähriger Junge aus Aleppo, der im vergangenen Dezember in der Stadt ankam, seine Mannschaft  tatkräftig dabei, einen U-12 Hurling-Titel zu holen.

Um die besten Anteile einer Kultur zu erhalten (und die schlechtesten Anteile verschwinden zu lassen), ist es wahrscheinlich am besten, sich der Welt zu öffnen.

Ja, wir sind dazu bestimmt, ein Schmelztiegel der Kulturen zu werden. Aber das gilt auch an allen anderen Orten dieser Welt.

Genau wie Leute, die nicht wählen gehen, das Recht verwirken, sich über den Ausgang der Wahlen zu beschweren, verwirken Menschen, die nichts tun, um den Geflüchteten auf konstruktive Weise zu begegnen, ihr Recht, sich über die Geflüchteten zu beklagen.

Paradoxerweise sind meiner Meinung nach viele Menschen in Europa aus Höflichkeit so zurückhaltend. Eigentlich brauchen sie mich und meine Artikel nicht, in denen ich ihnen sage, dass Geflüchtete auch Menschen sind. Sie wissen bereits, dass es Menschen sind, Menschen wie du und ich – und das ist ihnen peinlich und den Geflüchteten ist es ebenfalls peinlich. Es ist für alle Beteiligten eine sehr, sehr schwierige Situation. Als ich die Notunterkunft für Geflüchtete in Tempelhof zum ersten Mal betrat, glühte ich förmlich vor lauter Schamgefühl. Ich hatte Angst davor, irgend jemandem in die Augen zu sehen. Ich schämte mich für mich selbst, ich schämte mich für die EU (die ich früher toll fand), und ich schämte mich stellvertretend für die Leute, die mir dort begegneten, dafür, dass sie es aushalten mussten, dass ich sie so sah, wie ich sie sah. Ich wollte mich die meiste Zeit einfach nur entschuldigen.

Das führt zu einer gewissen Angespanntheit, die ich immer noch bei vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern sehe, wenn sie neu in unsere Gruppe kommen. Die Menschen haben Angst, anderen in die Augen zu sehen, Angst davor, auf andere zuzugehen. Angst vor Zurückweisung oder vor Missverständnissen. Niemand will als Tourist gelten. Niemand will andere kränken, niemand will, dass Blicke als Starren interpretiert werden. Niemand will als wohltätig gelten, aber es weiß auch niemand so richtig, wie man Freundschaften schließt. Stets schwebt etwas über allem, das keiner ansprechen mag – der Gedanke an das erlittene Trauma. Ich spreche mit Leuten in Bars und auf Partys, sage ihnen, dass wir mehr engagierte Ehrenamtliche brauchen und alle sagen: „Braucht man denn dafür keine Ausbildung?“

Ihr habt Angst, von jemandem ins Zimmer eingeladen zu werden, denn wenn man in diese beengten Räume eintritt, lässt man sich auf einen einen Erkenntnissprung ein. Die Räume Zimmer zu nennen, ist eigentlich eine Beleidigung der deutschen Sprache. Ihr wisst schon, wie sie aussehen, ihr habt im Vorbeigehen Blicke erhascht (und verzweifelt versucht, so auszusehen, als würdet ihr nicht hingucken), aber sich selbst, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, dort in diesem Raum wohnen zu sehen, dort zu sitzen und zu denken: Hierher kommen die Menschen am Ende jedes Tages, dies ist der einzige Ort, an den sie sich zurückziehen und wo sie sich sicher fühlen können…. Ihr habt Angst, in diese winzige Privatsphäre einzudringen, aber ihr habt genauso viel Angst davor, durch das Betreten eines solchen Raumes verletzlich zu werden.

Und eure Angst ist berechtigt. Wenn man sich auf das Leben anderer einlässt, verwandelt man sich. Es ist unglaublich anstrengend, sich verbal auszutauschen und die Sprachbarriere bedeutet nach wie vor, dass Körperkontakt einer der Kommunikationsmittel ist, mit denen die Menschen aufeinander zugehen. Hier wird soviel umarmt und geküsst, man schaut sich tief in die Augen und ist für so viele ein menschliches Klettergerüst, so dass es einem manchmal vorkommt, als würde sich der eigene Körper langsam auflösen. Ihr kommt mit Paketen mit Wolle oder Farben oder Papier an und du geht vollbepackt mit Obst und den kleinen Portionspackungen mit Marmelade und Honig, die es zum Frühstück gibt und die euch die Leute in der Unterkunft als Geschenk aufbewahrt haben. Und doch gibt es immer noch jene Augenblicke um 2 Uhr morgens, wenn ihr euch fragst, ob euch vielleicht doch alle  insgeheim hassen.

Und so geht es weiter, Monat für Monat. Ihr kommt den Menschen nah und beginnt euch zu fürchten, dass sie sicherlich bald an einen besseren Ort umziehen und ihr sie nie wiedersehen werdet. Ihr kommt den Menschen nah und hofft, dass sie bald an einen besseren Ort ziehen können und ihr sie nie wiedersehen werdet. Vermutlich geht es den Menschen genauso wie euch und sie empfinden ebenso widersprüchlich. Angst und Hoffnung sind nah beieinander.

Und du gewöhnst dich daran. Alles ist relativ. Es könnte alles besser sein, es sollte alles besser sein, aber es könnte auch schlimmer sein. Alles ist Scheiße. Es ist dir nicht egal. Es ist dir egal. Es ist dir nicht egal. Es ist dir egal.

Ein 11 Jahre alter Junge, der entweder Arzt oder Architekt werden möchte, zeichnet ein schönes zweistöckiges Haus und erklärt dir, dass du und er und seine Familie und zwei andere Ehrenamtliche darin wohnen werden. Du sagst: „Das ist schön, kann ich bitte noch einen Balkon haben?“ Und er zeichnet noch einen Balkon an das Haus und stellt dich darauf und lässt dich du auf die Schaukel und den Apfelbaum hinunterschauen.

Die Äpfel sind groß und rot und glänzend.

Fast kannst du die sanfte Brise spüren.

Sinéad schreibt diese und andere Geschichten in englischer Sprache auf ihrem Blog Gender, Peace and Protest.

Thank you to Angelika Welt-Mooney for this translation.

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