Grenzen überschreiten: Positive Beispiele für die Integration von Migranten in die deutsche Gesellschaft: Teil II

Diese mehrteilige Reihe soll verschiedene Aspekte der bosnischen Migration nach Deutschland untersuchen und die persönlichen Berichte von Migranten und ihren Kindern vorstellen, um nicht nur die gemeinsamen Erfahrungen bosnischer MigrantInnen zu reflektieren, sondern auch die breiteren Themen und Implikationen ihrer Geschichten zu berücksichtigen.

Read this article in English

Deutschland beheimatet eine der größten bosnischen Diaspora-Populationen der Welt. Grund hierfür sind verschiedene Einwanderungswellen nach Deutschland, zu denen Migranten gehören, die zu jugoslawischen Zeiten als Flüchtlinge eintrafen und sich seither in die deutsche Gesellschaft integriert haben, und neuere Wirtschaftsmigranten, die neue Chancen in Deutschlands stabiler Wirtschaft suchen.

Insgesamt sind Bosnier, die in Deutschland leben, gut ausgebildet, während diejenigen, die ihre Grundschulausbildung nicht abgeschlossen haben, gerade über 10% der Bevölkerung ausmachen. Etwa 30% der Bevölkerung haben ihr Studium in Deutschland abgeschlossen und etwa 10.000 Personen, alle mit direkter Migrationserfahrung, haben in Deutschland ihren Master in Deutschland abgeschlossen. Es ist daher plausibel zu folgern, dass sie die verschiedenen Bildungsangebote in Deutschland aktiv verfolgen und diese Chancen in der zweiten Generation voraussichtlich eine noch  höhere Zahl an Migranten diese Chancen suchen werden.

Ähnlich wie in anderen Ländern mit einer hohen Anzahl bosnischer Diaspora gibt es in Deutschland eine Vielzahl von Diaspora-Organisationen, darunter religiöse und ethnisch basierte Organisationen, Frauengruppen, junge Berufs- und Studentengruppen sowie in jugoslawischer Zeit gegründete Vereinigungen für Gastarbeiter und ihre Familien.

Berlin und Stuttgart haben beide eine große bosnisch-muslimische (bosniakische) Bevölkerung und haben hiermit beide ihren jeweiligen muslimische Gemeinschaftszentren, die als zentrale Säulen ihrer jeweiligen Gemeinschaften dienen. Viele dieser Zentren wurden 1992 in Bosnien und Herzegowina (BiH) gegründet. Einige dieser bosniakischen Gemeinden beschäftigen sich auch im weiteren Sinne mit Umsiedlungs- und Migrationspolitik, und setzen sich ein für die moderate Versionen des Islam und für eine Koexistenz des Islams mit anderen Facetten der deutschen Gesellschaft. Darüber hinaus wurden kroatische und serbische Diaspora-Organisationen in anderen Städten des Landes gegründet. Viele bosnische Kroaten und Serben sind oft Mitglieder solcher Vereinigungen geworden.

Während der Konflikte der 1990er Jahre bildeten viele Mitglieder der jugoslawischen Diaspora Verbände, die nach Zugehörigkeit zu  ethnischen Gruppen aufgeteilt wurden: Bosniaken, Kroaten oder Serben. Obwohl diese Organisationen offiziell oft nicht multiethnisch sind, zeichnen sich viele dadurch aus, dass sie mit vielen Migrantenpopulationen arbeiten, sowohl denen der 1990er Jahre als auch neuen Migrantenpopulationen, von denen viele außerhalb Europas liegen.

Das SüdOst-Zentrum, “südost Europa Kultur e.V.”, wurde von der gebürtigen Kroatin Bosiljka Schedlich gegründet, einer eingebürgerten Deutschen, die sich als Jugoslawin bezeichnet. Die Organisation mit Sitz in Berlin konzentriert sich auf die Integration von Migranten und Flüchtlingen durch Beratung, Bildung und Beschäftigung. Das SüdOst-Zentrum förderte während des Konflikts 1992 – 1995 in BiH auch den Frieden und diente als Treffpunkt, an dem man sich vernetzt, Deutsch lernt und sich gegenseitig unterstützt. Eine andere gemeinnützige Organisation, die von Sadija Klepo, einer Bosnierin, die während des Bosnien-Konflikts in Deutschland angekommen ist, gegründet wurde, ist die Hilfe von Mensch zu Mensch e.V., die sich für die Rechte von Migranten in München und darüber hinaus einsetzt. Beide Organisationen waren maßgeblich an der Organisation der humanitären Hilfe während des Berichtszeitraums beteiligt.

Hilfe von Mensch zu Mensch e.V.

Es gibt eine Reihe anderer Diaspora-Organisationen in Bosnien und Herzegowina, die sich auf die Förderung und Schaffung von Möglichkeiten zur Vernetzung von Migranten und Bosniern der zweiten Generation konzentrieren. So bringt das kürzlich gegründete Netzwerk bosnischer Studenten und Akademiker in Deutschland e.V. Nachwuchskräfte und Akademiker zusammen, um den Gemeinschaftssinn zu stärken und Raum für den Ausbau akademischer, kultureller und beruflicher Netzwerke zu schaffen. Diese besondere Initiative weist ein großes Potenzial auf, um eine fragmentierte Diaspora der Bevölkerung zusammenzubringen, ein Ziel, das noch erreicht werden muss. Die Organisation veröffentlicht auch ein zweisprachiges Magazin, das die Geschichten von erfolgreichen Bosnisch-Deutschen beleuchtet und Nachrichten über Politik, Wirtschaft und Kultur aus Bosnien und Herzegowina präsentiert.

Viele Mitglieder der bosnischen Diaspora-Bevölkerung in Deutschland sind auch aktiv an der ergänzenden Bildung beteiligt, die Teil einer fortlaufenden Tradition ist, die mit vom jugoslawischen Staat geförderten Schulen für Kinder von Gastarbeitern beginnt. Diese Schulen sind mit einer etwas umstrittenen Geschichte verbunden, die daraus hervorgegangen ist, wie dies in den verschiedenen Bundesländern umgesetzt wurde. In Bayern zum Beispiel wurden Schüler meist in ihren Muttersprachen unterrichtet, der Deutschunterricht war begrenzt und die sprachliche Integration von MigrantInnen kein Schwerpunkt. In Berlin war Integration jedoch ein primäres Ziel und der Unterricht konzentrierte sich auf die Bereitstellung von Fähigkeiten und Werkzeugen für den Übergang. Solche Programme boten auch so bald wie möglich intensive Deutschkurse an. Zwischen 1992 und 1995 organisierten bosnische Flüchtlinge auch Schulprogramme, in denen ihre Kinder ihre Ausbildung in ihrem Heimatland fortsetzen konnten. In dieser Art von Schule, Flüchtlinge, die als Ausbilder in Bosnien und Herzegowina ausgebildet wurden.

Heute haben sich Bildungsprogramme für Migranten- und Flüchtlingskinder weiterentwickelt. Alle Kinder sind im deutschen Schulsystem eingeschrieben, aber die Eltern haben auch die Möglichkeit, ihre Kinder in zusätzliche Schulen aufnehmen zu lassen. Diese Zusatzprogramme werden organisiert unter der Schirmherrschaft einer Dachorganisation mit Sitz in Stuttgart, die sich auch für einen besseren Zugang zu und von BiH Institutionen einsetzt, um die bosnische Sprache und das kulturelle Erbe zu pflegen.

Netzwerk bosnischer Studenten und Akademiker in Deutschland e.V.

Die bosnische Diasporapopulation in Deutschland ist nicht nur vielfältig, sondern auch dynamisch und hat das Potenzial, zu Deutschland und BiH beizutragen. Mitglieder dieser Bevölkerung umfassen Generationen, Ethnien und berufliche Ebenen – von Gastfreundschaft und Tourismus bis hin zu erfolgreichen Unternehmern und hochrangigen Managern. Es gibt auch diejenigen, die ein politisches Amt gesucht oder ausgeübt haben.

Aufgrund ihres unterschiedlichen Charakters ist es schwierig, übergreifende Aussagen über die Gruppe als Ganzes, einen roten Faden der bosnischen Diaspora und ihre anhaltende Verbindung zu ihrem Herkunftsland zu machen. Ob sie regelmäßig in ihr Heimatland reisen oder ihre geistigen Verbindungen pflegen, sie spielen eine entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung der bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Bosnien und Herzegowina.

Die Reihe “Crossing Borders” entstand im Rahmen einer Alumni-Partnerschaft des Intercultural Innovation Award zwischen dem Post-Conflict Research Center und Give Something Back to Berlin. Unterstützung für diese Serie wurde von der United Nations Alliance of Civilizations (UNAOC) und der BMW Group zur Verfügung gestellt.

Autorin: Dženeta Karabegović. Übersetzer: Sofia Fabiancic.

Über die Autorin

Dženeta Karabegovićs Forschungsinteressen liegen in der internationalen und vergleichenden Politik mit besonderem Fokus auf Transnationalismus, Diaspora, Migration, Demokratisierung, Menschenrechte, Transitional Justice und Balkan. Sie hat einen Doktortitel in Politik und Internationalen Studien von der University of Warwick, UK. Ihre wissenschaftliche Arbeit wurde in mehreren wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht und sie arbeitet derzeit an Artikel- und Buchprojekten. Sie ist Assistenzprofessorin an der International Burch University und der Sarajevo School for Science and Technology und arbeitet als Programmberaterin für das Post-Conflict Research Center. Zuvor war sie Gastforscherin am Forum for Gender Studies der Mid-Sweden University und Visiting Scholar am Harriman Institute der Columbia University. Sie war ein US-amerikanischer Fulbright-Stipendiat am Hugo Valentin Center der Universität Uppsala in Schweden, hat einen M.A. in Internationalen Beziehungen von der University of Chicago und vervollständigte ihre B.A. (Hons) an der University of Vermont in Politikwissenschaften und Deutsch mit einem Holocaust-Studium minor. Dženeta wurde in Banja Luka geboren, BiH ist in Deutschland und den Vereinigten Staaten aufgewachsen, hat in Schweden und England gelebt und ist vor kurzem nach Sarajevo, BiH zurückgekehrt.